Offene Prüfungsfragen üben
Bei einer Auswahlfrage genügt es, die richtige Option zu erkennen. Bei einer offenen Frage muss die Antwort entstehen – mit Begriff, Begründung und Beispiel. Genau deshalb fühlt sich das Üben unangenehmer an und deckt Lücken früher auf.
Warum Wiedererkennen leichter ist als Erklären
Beim Wiedererkennen liefert die Aufgabe selbst schon Material: vier Optionen, von denen eine passt. Beim Erklären fehlt dieses Material vollständig. Wer eine Definition nur passiv kennt, kommt beim Wiedererkennen durch und bleibt beim Formulieren stecken. Dieser Unterschied ist kein Zeichen von Faulheit, sondern eine andere Anforderung.
Eine Methode in fünf Schritten
- 1
Frage zerlegen
Was wird verlangt: erklären, vergleichen, begründen, berechnen oder anwenden? Das Verb der Frage bestimmt die Form der Antwort. Wer „vergleiche“ mit einer Definition beantwortet, verliert Inhalt, obwohl das Wissen da ist.
- 2
Kernbegriff benennen
Zuerst der Begriff, um den es geht, in einem Satz. Das verankert die Antwort und macht sichtbar, ob der Begriff überhaupt sicher sitzt.
- 3
Begründung ausschreiben
Der Teil, der am häufigsten fehlt: der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung, ausformuliert. „Weil …“, „dadurch …“, „daraus folgt …“ sind keine Floskeln, sondern die eigentliche Prüfungsleistung.
- 4
Beispiel oder Anwendung anschließen
Ein konkreter Fall zeigt, dass die Erklärung nicht nur nachgesprochen ist. Ein Satz genügt.
- 5
Antwort gegen die Quelle prüfen
Erst nach dem Schreiben wird die Stelle in den Unterlagen aufgeschlagen. Dabei wird notiert, was gefehlt hat – nicht, wie viele Punkte es gäbe.
Beispiel (erfunden, nur zur Veranschaulichung)
Beispiel – kein echtes Prüfungsmaterial
Frage
„Erklären Sie, warum eine Preisobergrenze unter dem Marktpreis zu einem Angebotsdefizit führt.“
Schwache Antwort
„Weil der Preis zu niedrig ist und die Menschen dann mehr kaufen wollen. Es gibt zu wenig davon.“
Bessere Antwort
„Eine Preisobergrenze unter dem Gleichgewichtspreis wirkt auf beide Marktseiten gegenläufig: Die nachgefragte Menge steigt, weil das Gut günstiger ist, während die angebotene Menge sinkt, weil ein Teil der Anbieter zu diesem Preis nicht mehr kostendeckend produziert. Die Differenz zwischen nachgefragter und angebotener Menge ist das Angebotsdefizit. Beispiel: eine gesetzliche Mietobergrenze, bei der weniger Wohnungen angeboten werden, während mehr Menschen eine suchen.“
Was in der schwachen Antwort fehlte
- Die Angebotsseite wurde nicht erklärt, nur die Nachfrage.
- Der Bezug zum Gleichgewichtspreis fehlt.
- Der Fachbegriff „Angebotsdefizit“ wird nicht benannt.
- Kein Beispiel, also keine Anwendung.
Wann Karteikarten oder Multiple Choice sinnvoller sind
Offene Fragen sind nicht in jeder Situation das bessere Format. Für Vokabeln, Jahreszahlen, Formelzeichen, Klassifikationen und schnelles Auffrischen kurz vor der Prüfung sind Karteikarten effizienter, weil sie viele Einheiten in kurzer Zeit abfragen. Auch wenn die Prüfung selbst im Auswahlformat stattfindet, gehört das Format zum Üben dazu. Sinnvoll ist die Kombination: Begriffe über Karten, Erklärungen und Fälle über offene Fragen.
Verantwortlich für den Inhalt: Jürgen Schuster, Betreiber von Beststudea.